Eine Idee?      Kathedrale

Nach langer Wanderung bin ich, wie andere Jakobspilger auch, bewegt und glücklich in der Kathedrale von Santiago de Compostela angekommen. Dieses Ereignis in meinem Leben ist tief in mir verankert. Am Kap Finisterre, dem "Ende der Welt", versunken im Anblick des weiten Meeres, war die Stimmung beinahe ähnlich intensiv - aber doch anders. Die Freude darüber, "angekommen" zu sein, mischte sich mit Trauer über das Ende meines Caminos. Die alte Sehnsucht kam wieder auf.

Der Jakobsweg war für mich Sinnbild des Lebens geworden. Wie im Leben gab es auch auf dem Camino Höhen und Tiefen zwinkern. War er nun wirklich zu Ende? Niemand kann sein Leben zweimal leben, daher wollte ich auch meinen Camino nicht wiederholen. Kann ich meinen Jakobsweg nicht doch fortsetzen und ihn später vollenden, obwohl ich bereits in Santiago de Compostela angekommen bin? Kann ich dann nochmals mit gleicher emotionaler Intensität, ein zweites und letztes Mal in Santiago ankommen? Ohne einen Abschnitt des Weges - auch nur einen einzigen Meter - wiederholt und so meine Erinnerungen an das erste Mal mit Wiederholungen vermengt zu haben? Und dies auf Jakobswegen, also auf historischen Wegen, die zum Grab des Apostels Jakob führen, dem Ziel aller Jakobspilger? So dass sich alle meine weiteren Wege zu einem größeren, zu meinem Jakobsweg nahtlos zusammenfügen ließen?

Dann könnte ich je nach Lebenssituation und Stimmung, immer dann, wenn es mich wieder treibt, neue Wege an meinen bisherigen Camino anknüpfen. Die sich dann zu einem einzigen Jakobsweg zusammenfügen ließen, der irgendwann (...?...) in Santiago de Compostela endet. Jedes weitere Wegstück gehörte dann zu meinem Jakobsweg, da es - wie die anderen zuvor - letztlich nach Santiago führt.

Beim Verweilen auf den Klippen des Kap Finisterre, mit wehmütigen Blicken auf das unendliche Meer formte sich die Lösung: Wenn ich an der Küste Galiciens weiter nach Osten wandere und von dort auf den Camino Inglés stoße, erreiche ich wieder Santiago de Compostela! Wie damals und heute die angelsächsischen Pilger über den Seeweg von Ferrol aus. Dieser Rundweg wäre dann das letzte Stück meines Jakobsweges, ein einziger durchgängiger Weg läge hinter mir, mein Camino wäre beendet, in Santiago de Compostela, irgendwann, zu einem mir noch nicht bekannten Zeitpunkt, im letzteren Teil meines Lebens...

Dies gelänge mit dem Rundweg von und nach Santiago dC! Erleichtert über die Idee und wieder zuhause, recherchierte ich nach einem solchen Weg, doch es gab ihn nicht. Daher suchte ich vor Ort, an Galiciens Nordküste, per trial & error einzelne passende Wegstücke und fügte sie zu einem Rundweg zusammen. Diesen schönen Weg, der von Santiago über Finisterre, Muxía, Malpica de Bergantiños und A Coruña zurück nach Santiago dC führt, möchte ich interessierten Pilgern empfehlen. Da einheitliche und ganzheitliche Wegmarkierungen (noch?) nicht existieren, stelle ich meinen Weg in Kartenform und als GPS-Download hier zur Verfügung.

Buen Camino!

______________________________________________________________________

Update, im April 2019:

Im März 2019 habe ich meinen Jakobsweg beendet. Eine durchgängige Strecke von über 5400 km, mein Jakobsweg, lag hinter mir.

Rückblick:

Im Jahre 2008 bin ich erstmals in Santiago dC angekommen. Danach folgten weitere Wanderungen auf europäischen Jakobswegen, die sich nun wie Perlen auf einer Schnur reihen. 2016 erreichte ich das ehemalige KZ Auschwitz. Den größten Teil des Camino-Rundweges bin ich in 2013 gelaufen. Für den Abschluss meines Caminos hatte ich das letzte Wegstück des Rundweges, von Sigüeiro bis zur Kathedrale in Santiago de Compostela, "aufgespart". Meine liebe Frau Imelda ist dieses Stück Anfang 2019 mit mir gewandert. Wir haben das Ende des Caminos als gemeinsames Erlebnis in unser Herz aufgenommen.

Um zusammenhängend auf alten Wegen wandern zu können, habe ich immer dann, wenn es erforderlich war, Verbindungsstrecken zwischen verschiedenen Jakobswegen gesucht, z.B. zwischen dem Camino Portugues und der Via de la Plata oder der Via Regia und dem Jakobsweg entlang des Hellweges. Auch sie sind Teil meines Jakobsweges. Nur so konnte ich ihn zu einem ununterbrochenen Weg, der nach Santiago führt, machen.

In Polen habe ich meinen Camino nicht weiter nach Osten fortsetzen wollen. Das Konzentrationslager Auschwitz - ein Ort des Erschauerns, des Nicht-Begreifen-Könnens - durfte nicht wie die anderen Orte nur Durchgangsstation sein. Auschwitz war zu einem der beiden Pole meines Jakobsweges geworden.

Am anderen Ende habe ich den südlichsten Punkt des europäischen Festlandes, das spanische Städtchen Tarifa, erreicht. Von dort aus setzte ich nach Tanger/Marokko über, und von dort aus werde ich, wenn es mich wieder "treibt" und meine Kraft und Gesundheit es zulassen, nach Süden weiterwandern. Auch dieser Weg wird zusammenhängend sein, er wird jedoch nicht zu meinem Jakobsweg gehören. Diesen habe ich endgültig in Santiago de Compostela, dem zweiten Pol meines Jakobsweges, beendet.

Die "Schleife", der Camino-Rundweg in Galicien, hat es mir ermöglicht, meinen Weg in der Mitte, in Santiago de Compostela, abschließen zu können.

Jeder Pilger, der in Santiago de Compostela ankommt, ist "seinen" Jakobsweg gegangen. Für jeden Pilger war er einmalig. Die Erinnerungen an ihn, an die durchlebten Gefühle und Stimmungen, die Freuden und Schmerzen, das Miteinander und Alleinsein, an die wunderbare Natur und auch an das, was Menschen geschaffen haben, gehören zu unserem Reichtum, tief in uns.